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Weihnachten – oder „Bist Du Katholisch?” Februar 12, 2008

Posted by Mareike in Hyderabad, Indien.
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Zu Weihnachten hatten Anja und ich die Wohnung ein wenig dekoriert und haben auch einen kleinen Plastikweihnachtsbaum gekauft (der übrigens immer noch hier herumsteht XD). Weihnachten ist kein großes Fest in Hyderabad, aber hier gibt es auch kleine christliche Gemeinden, vor Weihnachten ziehen die Sternsinger auch herum (mit einem lustigen Weihnachtsmann, der Süßigkeiten verteilt und es wird u.a. Feliz Navidad gesungen). Als die Sternsinger bei Lillu waren, und Anja ein paar Bilder vom indischen Weihnachtsmann machen wollte, hat sie festgestellt, dass sie den falschen Wohnungsschlüssel mitgenommen hat – und wir somit ausgesperrt waren. Ein Anwohner hat dann irgendwelche Jungs angerufen, die dann mit ihrer ganzen „gang“ (so bezeichnen Inder eine größere Clique Jugendlicher) bei uns aufgeschlagen sind, und dann bei uns eingebrochen sind (unser Balkon liegt im dritten Stock). Wir waren den Jungs natürlich unheimlich dankbar – das war ein Beispiel von indischer Hilfsbereitschaft, denn gegen elf Uhr abends gibt es natürlich keinen Schlüsseldienst mehr.

An Heilig Abend waren wir bei unserem Professor zum Abendessen eingeladen, was sehr schön war. Es gab Likör aus Dubai (Satishs älterer Bruder arbeitet im Hotelgewerbe in den Emiraten), und Satishs Vater wollte uns die ganze Zeit nachschenken, was natürlich nur Geplänkel war. Satishs Papa hat sowieso gefetzt, ich hatte eine ganz nette Unterhaltung mit ihm über Satish, und habe herausgefunden, dass Satish erst 38 Jahre alt ist, hehe. Satish wurde auch die ganze Zeit von seinem Vater „munna“ genannt, was so was wie Söhnchen bedeutet, natürlich nicht sehr angenehm für den armen Satish vor seinen Studenten so genannt zu werden. Es waren noch zwei Studentinnen aus Dresden da, die zuvor in Puna studiert hatten, also praktisch unsere Vorgänger. Sie haben uns zwei leckere Ministollen auch Dresden mitgebracht, die wir über den Jahreswechsel aufgefuttert haben. Von Satish und Madhu haben wir zwei CDs geschenkt bekommen (Kailash Kher, das ist moderne Sufimusik und „2007 – It’s Rocking“, eine Zusammenstellung von Bollywoodmusik). Wir haben ihnen eine Flasche Wein geschenkt und vier Weingläser, worüber sie sich sehr gefreut haben, denn bis dato hatten sie noch keine richtigen Weingläser. Kuttu hat noch Goldbären geschenkt bekommen (aus dem PAKET ^^), die sie ja so gerne mag. Danach hat uns Madhu auf dem Roller zur Kirche gefahren, zu der uns Lillu eingeladen hatte. Ich wusste ja, dass sie katholisch ist, aber dass es so schlimm werden würde, hätte ich nicht gedacht. Die Kirche ist neu und bei uns um die Ecke, aber ziemlich hässlich (es kommt doch nichts an die kleine gotische Kapelle in Almersbach an XD), eine Art Betonklotz. Vor dem Eingang hatte sich geschickterweise auch ein Bettler positioniert. Das Interieur war ziemlich schlicht, man sitzt auf Plastikstühlen, aber die Bilder an der Wand (von einem Künstler aus Kerala gemalt) waren sehr schön, und haben die guten Taten Jesus’ gezeigt. Die Messe war auf Englisch aber kaum verständlich, man hat eben das Übliche gehört, „du bist Sünder bla bla bla“, fand ich ein bisschen übertrieben, und der Priester war auch kein guter Redner. Dann gab es die HOSTIE. Natürlich haben Anja und ich uns auch angestellt, warum auch nicht, ich habe ja bisher noch nicht an so was teilgenommen. Die Hostie wurde von zwei Nonnen verteilt und die Messdiener haben so ein keines Tablett gehalten, damit die Krümmel nicht auf den Boden fallen. Als wir bereit waren den Kek… ähm die Hostie ^^ zu empfangen, schaute uns die Nonne nur skeptisch an und fragte uns ob wir katholisch wären, hää? Naja, weil ich wahrscheinlich zu überrascht war, habe ich nein gesagt – und zack, wurde die Hostie zurückgezogen, und gesagt, dass es dann keine Hostie geben würde. Das fand ich richtig asozial. Ich meine wir als Weiße, was sollen wir denn sonst sein, wenn nicht Christen? Ich war danach richtig maulig und wäre am liebsten gegangen, weil ich das wieder so scheinheilig fand. Ich meine sogar in einem Hindutempel wurden wir gesegnet obwohl wir offensichtlich keine Ahnung hatten. Lillu hatte uns auch nicht vorgewarnt, oder sie wusste nichts davon, auf jeden Fall hat sie auch nichts dazu gesagt. Zum Glück waren es dann nur noch zehn Minuten, die wir in der Kirche verbringen mussten, und weiter mir Keyboardmusik zugedröhnt wurden (eine Orgel gab es nicht). „Making love with Jesus Christ“, was der Priester zum Abschluss der Predigt gesagt hat, ließ uns dann aber wieder lachen, das war wirklich gut. Danach gab es noch Kaffee und Kuchen, aber darauf hatte ich nicht viel Lust, ich habe versucht meinen Kuchen an die Hunde zu verfüttern, die aber wiedermal geflüchtet sind, als ich ihnen das Stückchen hingeworfen habe. Dazu sage ich nur, dass ich hier schon mehrmals Inder gesehen habe, die Hunde grundlos mit einer ihrer Latschen oder Steinen beworfen haben, auch sehr ätzend. Auf dem Heimweg ist Anja und mir ein Motorradfahrer entgegen gekommen, der uns frohe Weihnachten gewünscht hat – ja, es gibt freundliche Motorradfahrer, die auch mal was anderes als „hey baby“ oder das „tsts“ herauskriegen. Und jetzt kommt meine Sünde an Weihnachten: ich habe zu ihm „fuck you“ gesagt… jaja, ich war wirklich angefressen, aber habe es auch fünf Minuten später wieder bereut.

Die Bescherung bei uns hat mich dann wieder etwas aufgeheitert; Anja hat mir den „Hobbit“ geschenkt (damit hätte ich nie gerechnet, aber sie hat mitbekommen, wie ich hin- und hergerissen war das Buch zu kaufen, als wir die anderen Geschenke eingekauft haben) und noch Ohrringe im meenakari-Stil, der typisch für Jaipur ist XD Ich habe ihr ein Buch über Che Guevara geschenkt, das eigentlich für Nikhil gedacht war (aber weil er bei uns kurzzeitig von der Gnade gefallen ist, haben wir uns entschieden ihm nichts zu schenken). Also, was lernen wir daraus: wenn du in Indien bist, gehe zu Weihnachten in eine katholische Kirche nicht ^^
Am ersten Weihnachtstag waren wir mit Madhu und den beiden deutschen Studentinnen in einem Dorf außerhalb von Hyderabad, das für seine Stoffproduktion bekannt ist. Madhu hat einen Seidensari für ihre Schwiegermutter gekauft und wir konnten uns den Fertigungsprozess von Stoffen kurz ansehen, was wieder eine ganz andere Welt war, denn die Stoffe werden von Hand an einem riesigen Webstuhl gewebt, was wirklich sehr beeindruckend aussah und sicher auch einiges an Können erfordert. Danach haben wir unsere Enten von Lillu abgeholt, die Lillu für sich und uns besorgt hatte… unsere Weihnachtsenten, den Enten des Grauens. Die Enten waren nämlich noch im vollen Besitz ihres Kopfes. Wir haben uns dann aber doch noch dazu durchgerungen etwas davon zu essen, denn ein Tier hat 200 Rupien gekostet, und es wäre ja wirklich ziemlich schade darum gewesen. Ja, ich gestehe: hach, was habe ich das gute Weihnachtsessen vermisst, was es immer daheim gibt! Ja Mam, du darfst dich geschmeichelt fühlen XD

Den Rest des Monats habe ich meine Hausarbeit zu Satishs Kurs „Contemporary India“ geschrieben, und zwar über Globalisierung und deren Einfluss auf die indische Landwirtschaft. Hausarbeiten zu schreiben ist gar nicht so einfach, wenn man wirklich um jede Quelle kämpfen muss (in unserer unglaublichen Mohan Ramesh Bibliothek sah es nämlich ziemlich dünn aus, was den Bestand zu Büchern anging, die sich mit diesem Thema auch nur annährend befassen). Ich wusste bisher nicht, dass ich mich mit der SLUB wirklich im akademischen Paradies befand. Denn bei unserer Bibliothek an der Uni fehlen öfters Bücher im Regal, die eigentlich – laut Katalog – dort stehen müssten. Fragt man den Bibliothekar, sieht er sich das Regal selber kurz durch und stellt auch fest, dass es das bestimmte Buch nicht gibt. Und das war es dann auch. Kann man halt nichts machen, ist eben weg. ^^ Ich habe aber eine Ahnung woran das liegen könnte. Im November habe ich die zweiwöchige Leihfrist um zwei Wochen überschritten, weil ich das Buch vergessen hatte, und als ich es dann abgegeben habe, wurden keine Strafgebühren fällig (bei Martin und Anja bisher auch noch nicht). Seltsam, seltsam, ich hatte vermutet, dass es wieder einen kleinen Aufstand geben würde (und evtl. mehr verlangt wird als vorgegeben). So eine kleine Gebühr ist an sich ja auch sinnvoll, denn sonst sieht man die Bücher ja erst nach Monaten wieder.

Übrigens waren wir im Dezember auch nicht weiter unterwegs, sondern haben uns auskuriert. Ich habe einen richtig fetten Herpes am Mundwinkel entwickelt (wirklich böses Teil, Inder kennen nämlich keinen Herpes, und der „Apotheker“ war auch der Meinung dass es sich um einen Fungus handele, wheee). Ja, Nordindien hat mich dahingerafft XD

Am 30. Dezember ist mein Laptop dann plötzlich abgeschmiert – womit die Odyssee des Laptops in „Cyberabad“ begann.

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